WechselWirkung 111, 5 - 2001

 Jeder hat heutzutage seine Philosophie, nur der Philosoph hat keine

Joachim Koch

Alle Jahre wieder, wenn es Sommer wird und die verdienten Macher in den wohlverdienten Urlaub gehen, ist in den Feuilleton-Redaktionen der überregionalen Tages- und Wochenpresse wieder die Zeit gekommen, sich denen zuzuwenden, die nach landläufiger Meinung nichts machen und bloß reden: den Philosophen. Im letzten Jahr war es Peter Sloterdijk, der sich freundlicherweise opferte und ein paar Thesen formulierte, die man zum Skandal erklären konnte. In diesem Jahr lies DIE ZEIT zur Klärung der Frage, ob die Philosophie nun definitiv oder nur grundsätzlich verstaubt sei, die Herren Lütkehaus, Früchtl und Beckermann zu Wort kommen. Da die damit angeblich entfachte Diskussion jedoch weder rekapituliert, worüber in Fachkreisen tatsächlich debattiert wird, noch dem Leser neue Perspektiven eröffnet, ist sie nicht wirklich existent. Wer der Meinung ist, die Philosophie sei eine überflüssige Disziplin, darf sich am Ausklang der Kontroverse ebenso bestätigt fühlen wie all jene, die ihr die Existenzberechtigung noch nicht ganz absprechen wollen. Insofern erfüllt das Medienereignis einen simplen Auftrag: es stopft das Sommerloch und bestätigt damit zugleich, daß es zu anderen Zeiten keinen Grund gibt, über Philosophie zu sprechen.

Diese vermeintliche Grundlosigkeit ist durchaus absurd. Sie ist absurd, weil die publikumsrelevanten Medien (und Verlage) im Grunde nur noch Philosophen publizieren, deren natürlicher Name bereits den Charakter eines Markennamens angenommen hat, sie der Gilde der Philosophen aber vorwerfen, sie köchelten in ihrem eigenen Sud und stellten sich nicht mehr den drängenden Fragen unserer Zeit. Tatsache ist, daß das Gros philosophischer Publikationen vor allem deshalb akademische Sekundärliteratur umfaßt, weil der an der Hochschule angestellte Philosoph eine ansehnliche Publikationsliste zustande bringen muß und deshalb bereit ist, einen ansehnlichen Druckkostenzuschuß aus eigener Tasche beizusteuern. Der innovative Rest bleibt ungedruckt. Tatsache ist, daß mittlerweile nicht mehr die Printmedien (oder Radio und TV) die Diskurse der Philosophie wiedergeben, sondern das Internet mit seiner Fülle von online-Zeitschriften und Websites, die bereits ein Niveau erreicht haben, das weitaus höher ist als das beispielsweise den Siebzigern gern attestierte. Und dies noch kostenlos.

Geradezu hanebüchen ist allerdings das heute herrschende Philosophie-Verständnis, das den Vorwurf der Verstaubtheit erst ermöglicht. Um es in einem Satz zu sagen: Die Philosophie ist gegen Ende des 20. Jahrhunderts an einem Punkt angekommen, an dem sie sich nicht nur interessant, vielseitig und lebenspraktisch wie nie zuvor präsentiert, sondern obendrein an der Nahtstelle von Wissenschaft, Kunst und ökonomischen Handeln eine anderswo kaum zu beobachtende Lebendigkeit an den Tag legt. ­ Und wie wird diese Entwicklung rezensiert? Als befasse sich die Philosophie nach wie vor mit der Ergründung von Gott, Mensch und Welt hält man ihr Wirklichkeitsferne vor. Als habe sie kein anderes Ziel, als ihre eigenen Resultate wiederzukäuen, haut man zum x-ten Male auf eine die Geschichte lehrende Universitätsphilosophie und übersieht dabei, daß auch die Gegenwart der bildenden Kunst nicht in der Kunstgeschichte aufgeht. Als sei es die Aufgabe der Philosophie, die Sinnleere und Brüchigkeit moderner Existenz zu heilen, wirft man ihr vor, den Blick fürs Ganze verloren zu haben. (Wehe aber, sie spricht mal vom Ganzen.) Als hieße ihr auf das Leben bezogener Anspruch, den Guten billigen Rat geben und den Bösen strenge Vorschriften machen zu wollen, erwartet man von ihr mal das Rezept, mal die Moral, die man bei Bedarf hervor holen oder auch wieder in der Schublade verschwinden lassen kann. Als sei ihr Geschäft wie anno dazumal die Wahrheit, will einem eine Philosophie ohne Wahrheitsanspruch noch weniger gefallen als eine mit. Nimmt man noch hinzu, daß Philosophie heute auch das meinen kann, was einer für sich selbst so denkt und glaubt, wird´s gänzlich kompliziert.

Die Philosophie ist überflüssig, bemerkte vor einiger Zeit ironisch der Redakteur einer in München, Frankfurt oder Hamburg ansässigen Zeitung, weil sie kein Brot backen könne. Die Metapher kommt nicht von ungefähr: die meisten verweisen gerne auf das Stückchen Brot, das sie sich verdienen müßten, wenn sie sich genötigt fühlen zu erklären, warum sie etwas tun, was sie ehedem verurteilt hätten. Klar! Unser täglich Brot gib uns heute. Das kann die Philosophie nicht. Dadurch unterscheidet sie sich von der Religion. Und deshalb geht es Philosophen schlecht. Wenn einer allerdings schon Brot hat und es verkaufen will, dann ist die rechte Philosophie keineswegs mehr zu verachten. Immerhin wird mit dem Wort längst auch die für alle Beteiligten und in allen Bereichen eines Unternehmens gültige Direktive bezeichnet. Heißt man dies nun zurecht Philosophie? Besser nicht, wie sonst sollte man noch behaupten können, sie habe nichts zu sagen.

Dr. Joachim Koch ist Herausgeber des Philosophieführers philosophers today (http://www.philosophers-today.com) und freier Mitarbeiter von WechselWirkung.
Von ihm erschienen ist kürzlich bei der Büchergilde-Gutenberg “Weder-Noch. Das Freiheitsversprechen der Ökonomie”