WechselWirkung 111, 5 - 2001

 

Vom Nutzen der Utopie für das Leben

von Johano Strasser

Die pauschale Denunzierung der Utopie, wie sie seit einiger Zeit wieder in Mode gekommen ist, ist weder aus der Geschichte des utopischen Denkens noch vom Begriff der Utopie her zu rechtfertigen. Insbesondere die Behauptung, dass die Utopie immer "totalitär" sei (Nikolai Berdjajew), "dass sie im Zustand der Unschuld eines romantischen Denkens beginnt, um in einem Inferno totalitärer Exzesse zu enden" (Lothar Bossle), dass die Utopie "ihrem Wesen nach stets eine totale Gesellschaft verlangt" (Joachim Fest), wird dem Reichtum des utopischen Denkens nicht gerecht.

In vielen der klassischen Staatsutopien (so bei Campanella und Francis Bacon, mit Abstrichen auch bei Thomas Morus) ist der illiberale Zug unübersehbar, aber es gibt auch libertäre Utopien, die nicht aus der Sicht hoch über den Menschen thronender Strategen entworfen sind, sondern die Menschen in ihrem Glücksstreben und ihrem Eigensinn ernst nehmen. Es gibt historische Beispiele dafür, dass die Versuche, eine am Schreibtisch entworfene Totalrevision der Gesellschaft zu vollziehen, in Elend und Unterdrückung endeten, andererseits wäre jede reformerische Veränderung blind und taub, wenn sie sich nicht an einem Leitbild, einer Vision, einer Utopie orientierte.

Utopie als Leitbild, als 'regulative Idee', als "Hilfskonstruktion politisch-sozialer Technik" (Karl R. Popper), eine "aufgeklärte Utopie" im Sinne Georg Pichts, das ist die Form des utopischen Denkens, die der modernen p1uralistisehen und freiheitlichen Demokratie entspricht. Aber brauchen wir so etwas heute?

Joachim Fest will uns glauben machen, alles Unheil rühre nur vom utopischen Drang zur idealen Gesellschaft her, wenn die Menschen sich endlich mit der Welt, so wie sie ist, zu arrangieren lernten, könnte alles noch gut werden, jedenfalls so gut, wie es eine unvollkommene Welt mit unvollkommenen Menschen zulässt.

Aber die Welt, wie sie ist, ist keinesfalls eine sichere Heimstatt bescheidenen Glücks, und schon lange nicht ein "Paradies", wie Manfred Seiler, Fest rezensierend, allen Ernstes behauptet. Vielmehr hat die Normalität des Lebens in unseren fortgeschrittenen Industriegesellschaften eine verhängnisvolle Schlagseite ins katastrophische. Es gehört zu den Grunderfahrungen unserer Zeit, dass das wissenschaftlich-technisch-ökonomische Projekt, dem wir uns - ganz nüchtern und unideologisch, wie wir zumeist glauben, -verschrieben haben, dass die aggregierten Wirkungen ganz alltäglicher Handlungen von Tausenden und Abertausenden ganz normaler Menschen mehr und mehr und immer schneller die natürlichen Lebensgrundlagen zerstören.

Angesichts der wachsenden Gefährdungen in der 'Risikogesellschaff' (Ulrich Beck) scheint es mir auch heute wieder so zu sein, dass die Not der Zeit uns zwingt, alle utopischen Kräfte anzuspannen, um Pfade menschenwürdigen Oberlebens für uns und unsere Kinder zu entdecken.

Dies freilich wird auch von manchem bestritten, dem die ökologische Bedrohung unserer Zivilisation durchaus präsent ist. Hans Jonas hat sich in seinem Buch "Das Prinzip Verantwortung" dafür ausgesprochen, angesichts der wachsenden Bedrohung für die Gattung Mensch alle utopischen Träume fahren zu lassen, dem Fortschrittsdenken abzuschwören und sich ganz auf die Sicherung des Überlebens zu konzentrieren.

Die Frage ist allerdings, ob wir der vielfältigen Gefahren wirklich Herr werden können, indem wir uns alle ambitionierten Vorstellungen von einem besseren Leben versagen und uns ganz der Aufgabe widmen, das Schlimmste zu verhüten. Ich denke, dass die große Kraftanstrengung, die dazu erforderlich ist, nie und nimmer erfolgen wird, wenn man den Menschen auf die Kantische Frage "Was dürfen wir hoffen?" nur noch antworten kann: Als Gattung zu überleben. Zur Negativmotivation der drohenden Katastrophe muß die Positivmotivation eines menschenwürdigen Zukunftsbildes kommen Bei aller berechtigten und wohl auch notwendigen Ernüchterung gegenüber einem religiös aufgeladenen Utopismus, wie er auch bei Ernst Bloch zu finden ist: ohne faszinierende Bilder eines möglichen anderen Lebens kann auch das große Werk des Bewahrens und Verhütens nicht gelingen.

Zudem scheint es mir auch sachlich nicht richtig zu sein, dass die ökologische Bedrohung menschlichen, sozialen Fortschritt ausschließt. Zwar ist es unzweifelhaft richtig, dass eine Kultur der Freiheit und der Menschlichkeit nur unter Bedingungen der materiellen Fülle aufblühen kann. Wo die Menschen tagein, tagaus damit befasst sind, das Allernötigste zum Leben zusammenzubringen, ist eine tolerante und freie Gesellschaft, ist Demokratie als Lebensform nicht möglich. Aber die Tatsache, dass die spezielle Weise der Reichtumsproduktion, die sich von Europa aus über die ganze heutige Welt verbreitet hat, zunehmend scheitert, bedeutet nicht, dass in Zukunft die materiellen Voraussetzungen für eine Kultur der Freiheit entfallen.

Es gibt alternative Möglichkeiten der Reichtumsproduktion, die mit den Naturbedingungen menschlicher Existenz im Einklang sind, die eine dauerhafte und verallgemeinerbare Entwicklung auf der Erde erlauben. Diese alternative Reichtumsproduktion muss sich vor allem an drei Grundsätzen orientieren:

Erhaltung von Wohlstand durch das Vermeiden von Schäden. 

Effizientere Nutzung von Stoffen und Energie, insbesondere des gewaltigen Potentials der Sonnenenergie und ihrer regenerierbaren Derivate. 

Wohlstandssteigerung durch mehr frei verfügbare Lebenszeit (Zeitwohlstand) statt durch immer mehr Güter und Dienstleistungen. 

Um diese Grundüberlegung herum, wäre die Utopie einer neuen Freiheit zu entwickeln.

Was das im einzelnen für das Leben der Menschen bedeuten könnte, will ich nur andeuten, freilich ohne den Anspruch zu erheben, verbindliche Aussagen über unseren künftigen Lebensstil machen zu können.

Beträchtliche Verkürzungen der Arbeitszeit im Erwerbsarbeitssektor könnten zusätzlich Platz schaffen für Eigenarbeit und freie Tätigkeit, die, auch wenn sie nicht für Geld geleistet werden, dennoch Werte schaffen, Reichtum erzeugen. Vorstellbar und wünschenswert wäre es, wenn sich im Zeitbudget eines jeden Menschen die Anteile der Erwerbsarbeit deutlich verringerten und dafür die Anteile an Eigenarbeit und freier Tätigkeit erhöhten.

In dieser Perspektive wäre auch die Überwindung der ungerechten Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern leichter möglich. Darüber hinaus ließen sich auch die Zwänge der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und der engen Spezialisierung zum Vorteil der Menschen lockern. Wenn es insgesamt mehr um Sein und weniger ums Haben geht, wäre es auch denkbar, dass Prozessinnovationen in Zukunft u.a. dem Ziel dienen, den arbeitenden Menschen einen höheren Grad an Selbst- und Mitbestimmung, größere Dispositionsfreiheit und ein breiteres Tätigkeitsspektrum einzuräumen.

Würde Vermeidung zum obersten ordnungspolitischen Imperativ, käme es u.a. darauf an, den Bedarf an Transporten möglichst zu reduzieren. Zu diesem Zweck wären dann alle Möglichkeiten zu nutzen, Transporte durch Informationsvermittlung zu ersetzen oder durch Funktionsmischung im Städtebau die Zwangsmobilität zu verringern. Auch böte es sich an, so viel wie möglich mit lokal und regional verfügbaren Ressourcen für lokale und regionale Bedürfnisse zu produzieren, um den Bedarf an Transporten zu minimieren, aber auch um Lager- und Kühltechnik und Verpackungsmaterial einzusparen.

Biologischer Landbau und Energiegewinnung aus Biomasse könnten gerade auch kleineren landwirtschaftlichen Betrieben wieder eine verlässliche Perspektive bieten. Weniger Chemie, weniger aufwendige Großtechnik bedeuten weniger Kapitalaufwand und zugleich gesündere Nahrung und vorbeugenden Umweltschutz.

Aber wagen wir uns noch ein wenig weiter vor ins Helldunkel erahnter Möglichkeiten Vielleicht kommt es zu einem kulturellen Wandel, der die Menschen dazu veranlasst, mehr Zeit der intensiven persönlichen Kommunikation zu widmen und dafür weniger der flüchtigen Oberflächenberührung, die der moderne Massentourismus offeriert. Möglich auch, dass an die Stelle des gierigen Verschlingens wieder stärker der intensive Genuss, an die Stelle des Hastens vom Neuen zum Neuesten wieder der bewusste pflegliche Umgang mit Gebrauchsgütern tritt, die haltbar und reparierbar sind, deren lange Verwendung uns die Chance bietet, ein Stück eigener Lebensgeschichte damit zu verbinden und sie uns so tatsächlich zueigen zu machen.

Phantasie, organisatorische Intelligenz, die Fähigkeit von Wissenschaftlern und Ingenieuren zum Entwickeln subtilerer, ökologisch vernünftiger Technik und die Besinnung darauf, was in unserem wohlverstandenen Eigeninteresse und in dem unserer Kinder und Enkel liegt - wenn wir das aufbringen, können wir auch in Zukunft in Freiheit, Wohlstand und Frieden leben.