WechselWirkung 111, 5 - 2001

 

Weg vom Öl 


Schritte zu einer nachhaltigen Energiepolitik

Jürgen Trittin

Die ökologischen Folgen der Klimaveränderung, die Verschmutzung und Überfischung der Weltmeere und der Verlust an biologischer Vielfalt, um nur ein paar Folgen des gegenwärtigen Substanzverzehrs aufzuzählen, stellen auch neue Anforderungen an die Energie- und Umweltpolitik. Die Energieversorgung stützt sich bislang weltweit nahezu ausschließlich auf den Verbrauch endlicher, nicht erneuerbarer oder stark risikobehafteter Energieträger. Eine derartige Energieversorgung entspricht nicht den Grundsätzen einer nachhaltigen Entwicklung, die ökologische Wirksamkeit, ökonomische Effizienz und soziale Akzeptanz in Einklang bringen will. 

Klimaschutz, Umweltvorsorge und Ressourcenschonung gepaart mit Energieversorgungssicherheit und einer Energieversorgung, die auf die richtigen Preise setzt, verlangen von uns vorausschauendes Handeln: Es ist dringend geboten, daß wir den begonnenen Aufbau einer zukunftsverträglichen Energieversorgung zügig fortsetzen und beschleunigen. Dazu gehört der Ausstieg aus der Atomkraft, der effizientere Einsatz fossiler Energieträger, die Verbesserung der Energieeffizienz in allen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft und nicht zuletzt der Ausbau der erneuerbaren Energien. 

Auf dem Bonner Klimagipfel ist uns ein äußerst bedeutsamer Durchbruch gelungen. Nun ist endlich die Basis geschaffen worden, um den vom Menschen verursachten Klimawandel wirksam bekämpfen zu können. Damit wurde gezeigt, daß es gelingen kann, weltweiten Bedrohungen durch ein abgestimmtes Handeln entgegenzuwirken. Wenngleich auch die USA als weltweit größter Emittent von Treibhausgasen sich noch einem gemeinsamen Vorgehen widersetzt, so hat der Rest der Weltgemeinschaft doch seiner Verantwortung entsprochen. Mit der in Bonn getroffenen Vereinbarung sind die Vorraussetzungen geschaffen, daß sowohl die Europäische Union insgesamt als auch die einzelnen Mitgliedstaaten das Kyoto-Protokoll nun zügig ratifizieren können. Für die Erfüllung der dann völkerrechtlich verpflichtenden Klimaschutzziele ist eine konsequente Politik des rationellen und sparsamen Energieeinsatzes sowie eine effektive Förderung der erneuerbaren Energien durch die Mitgliedstaaten conditio sine qua non.

Die EU-Kommission teilt das Ziel Deutschlands, den Anteil der erneuerbaren Energien am Gesamtenergieverbrauch bis 2010 zu verdoppeln. Laut Entwurf der „Richtlinie zur Förderung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen im Elektrizitäts-binnenmarkt“, die kurz vor der Verabschiedung steht, hat Deutschland die Verdopplung des Anteils der erneuerbaren Energien am Gesamtstromverbrauch auf 12,5% bis 2010 zu erreichen.

Die EU-Kommission setzt weiter auf die verstärkte Nutzung der Kraft-Wärme-Kopplung (ebenfalls Verdopplung bis 2010), auf die Ausschöpfung der immensen CO2-Minderungspotentiale im Gebäudebereich und bemüht sich auch um Maßnahmen im klimaschutzpolitisch äußerst problematischen Verkehrsbereich. Darüber hinaus hat die Kommission die Absicht, neue Instrumente wie den Emissionshandel europaweit einzusetzen. Die Minderung von Treibhausgasen wird in einem solchen System belohnt, so daß zukunftsorientiertes Verhalten sich künftig auszahlen wird.


Umsetzung der Energiewende in Deutschland

Seit Ende 1998 ist es uns gelungen, die Rahmenbedingungen für den Ausbau der erneuerbaren Energien sowie für den rationellen und sparsamen Energieeinsatz deutlich zu verbessern. Gemeinsam mit Maßnahmen zur Energieeinsparung und zur Verbesserung der Energieeffizienz bieten erneuerbare Energien kurz- bis mittelfristig die größten Potentiale zur Minderung der CO2-Emissionen. Sie bilden das Fundament für eine umweltgerechte und nachhaltige zukünftige Energieversorgung.

In Deutschland wurden Ende des vergangenen Jahres lediglich 6% der Stromproduktion und etwa 2% der Primärenergie durch erneuerbare Energien erzeugt. Im globalen Maßstab tragen die erneuerbaren Energien heute mit etwa 20% zur Energieversorgung bei, wobei die Wasserkraft- und Biomassenutzung dominieren. Studien zeigen, daß bis 2050 50% der globalen Energieversorgung auf regenerativer Basis erfolgen könnte, wenn heute die Weichen richtig gestellt werden.

Zur Ausschöpfung der erheblichen Potentiale im Bereich des rationellen und sparsamen Energieeinsatzes setzt die Bundesregierung 
- auf den deutlichen Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung; die gesetzlichen Grundlagen hierfür werden gerade geschaffen, 
- auf die Senkung des Energieverbrauchs in den privaten Haushalten; Energieeinsparverordnung, 2 Mrd. DM-Programm der Kreditanstalt für Wiederaufbau für den Klimaschutz sowie Klimaschutzkampagne des Bundesumweltministeriums lauten hier nur einige der Stichworte,
- und auf das Brechen des auch heute immer noch insgesamt ansteigenden Emissionstrends im Verkehrsbereich. 

Die Ökologische Steuerreform leistet bei der Umsetzung dieser Anliegen tatkräftige Hilfe. Sie belohnt den sparsamen Umgang mit Energie und bestraft Energieverschwender. Durch ihre stufenweise Anhebung gibt sie zudem den verschiedenen Akteuren verläßliche Rahmenbedingungen für energierelevante Investitionsentscheidungen.

Für Anlagenhersteller eröffnen sich hier zukunftsträchtige Geschäftsfelder nicht nur auf dem deutschen Markt, sondern auch auf den Weltmärkten. Energieeinspartechniken und Anlagen für die Nutzung erneuerbarer Energien müssen zum neuen prägenden Element des „Made in Germany“ werden. 

Ich will auf den zukunftsträchtigen und in der Vergangenheit zu Unrecht vernachlässigten Bereich der erneuerbaren Energien speziell eingehen:

Rahmenbedingungen für die erneuerbaren Energien:

- Im Zentrum steht das Erneuerbare-Energien-Gesetz EEG vom 29. März 2000. Diese Regelung zur Abnahmepflicht und Mindestvergütung hat sich als besonders erfolgreich erwiesen. Der Europäische Gerichtshof hat in seinem Urteil vom 13. März 2001 bestätigt, daß Mindestpreisregelungen keine Beihilfe darstellen und mit dem EU-Recht in Einklang stehen.

- Die Biomasse-Verordnung regelt im Rahmen des EEG, welche Stoffe als Biomasse zugelassen sind, welche Verfahren einbezogen sind und welche Umweltanforderungen gestellt werden. Seit dem 28.06.01 gibt sie Investitionssicherheit für diese Sparte der erneuerbaren Energien.

- Weitere wichtige neue Instrumente sind die ökologische Steuerreform, das 100.000-Dächer-Solarstromprogramm und das Marktanreizprogramm für erneuerbare Energien. 

- Zusätzliche Maßnahmen vornehmlich für den rationellen und sparsamen Energieeinsatz: die Verlängerung der Ökokomponente bei der Eigenheimzulage bis Ende 2002, günstige Kredite bei den Kreditanstalten des Bundes und verstärkte Anstrengungen in Forschung, Entwicklung und Demonstration.

- Für die energetische Sanierung des Gebäudebestandes hat die Bundesregierung ein neues Förderprogramm aufgelegt, das auch die Solaranlagen einschließt. Die Energieeinspar-Verordnung soll die bisher getrennten Verordnungen für Heizungsanlagen und für den Wärmeschutz integrieren, die Anforderungen an den heutigen hohen Stand anpassen und dabei auch die Nutzung der erneuerbaren Energien positiv bilanzieren.


Windenergie

Der Zuwachs beim Einsatz erneuerbarer Energien stammt derzeit vornehmlich von der Windenergie, nachdem die Potentiale der Wasserkraft in Deutschland bereits zum überwiegenden Teil erschlossen sind: Mit fast 7.000 MW installierter Leistung Ende Juni 2001 hat die Bundesrepublik ihren Spitzenplatz in der Welt weiter ausgebaut. Zum Vergleich: bei Antritt dieser Regierung im Herbst 1998 waren erst 3.000 MW am Netz. Es drehen sich nun bereits über 10.000 Windenergieanlagen im Bundesgebiet. In der Windkraftbranche wurden direkt und indirekt rund 30.000 Arbeitsplätze geschaffen, oftmals in bisher strukturschwachen Regionen. Mit den bis Ende Juni 2001 installierten Windanlagen können in einem durchschnittlichen Windjahr bereits rund 2,5% des Nettostromverbrauchs produziert werden. Die Erfolgsgeschichte der Windenergie darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß für die Zukunft neue Weichen zu stellen sind. So ist das Ziel der Bundesregierung, den Anteil erneuerbarer Energien zu verdoppeln, nur mit einem Einstieg in die Windenergienutzung auf See erreichbar. Eine Strategie zum umwelt- und naturverträglichen Ausbau wird derzeit entwickelt.

Solarenergie, Biomasse und Geothermie

Es gilt, im neuen Jahrzehnt auch die Nutzung der Solarenergie und der Biomasse intensiv voranzubringen. Die Zeichen stehen gut:

Allein im Jahr 2000 wurden 8.000 Solarstromanlagen mit insgesamt 40 MW installiert insgesamt waren damit Ende 2000 Photovoltaik-Anlagen mit einer Gesamtleistung von 100 MW in Betrieb. Die pro Jahr installierte Leistung hat sich seit 1997 vervierfacht. Die größte Solaranlage Europas wird zur Zeit in Mecklenburg-Vorpommern mit einer Leistung von 5 MW errichtet. Dennoch entspricht die heute verfügbare Leistung nur 1/10 Prozent der gesamten in Deutschland installierten Stromerzeugungskapazität. Die Energiewende muß auch hier Abhilfe schaffen!

Ebenso verzeichnen die Hersteller solarthermischer Anlagen zur Warmwasserbereitung zweistellige Zuwachsraten: im Jahr 1998 wurden 350.000 m2 installiert, im Jahr 1999 420.000 m2 und im Jahr 2000 640.000 m2. Die Branche rechnet im Jahr 2001 mit 1 Million m2 neu installierten solarthermischen Anlagen. 

In der Biogasbranche ist ein regelrechter „Boom“ ausgebrochen Ende 2000 waren bereits rund 1.000 Biogasanlagen errichtet. Auch die anderen technischen Verfahren zur energetischen Nutzung der verschiedenen biogenen Einsatzstoffe stehen in den Startlöchern. 

Im Rahmen des Zukunftsinvestitionsprogramms der Bundesregierung wird neben Forschung in den Bereichen Wind-, Solarenergie und Biomassenutzung ein weiterer Forschungsschwerpunkt auf dem Gebiet der Erdwärme liegen. Im Bereich des Bundesumweltministeriums sollen Projekte gefördert werden, mit denen Strom durch die Nutzung von Erdwärme erzeugt werden kann.

Wasserkraft

Bei der Nutzung der Wasserkraft lässt sich in Deutschland nur noch eine begrenzte Steigerung erzielen, vor allem durch Modernisierung vorhandener Anlagen bei gleichzeitiger Verbesserung der gewässerökologischen Situation. 

Energiewende schafft Arbeitsplätze

Die erneuerbaren Energien stellen eine Säule der Energiewende dar, die kontinuierlich weiter ausgebaut werden muß, um Mitte dieses Jahrhunderts bis zur Hälfte der Energiebilanz abzudecken. Bis dahin sind alle Optionen zu erschließen, um die von unseren Bürgern gewünschten Energiedienstleistungen Wärme, Kälte, Kraft, Kommunikation und Licht mit so wenig Energieeinsatz wie nur möglich bereitzustellen. Alle unsere Experten gehen davon aus, daß CO2-Minderungen von 20 Prozent und mehr zu sehr geringen Kosten ausgeschöpft werden können. Dies gilt nicht nur für den Autofahrer oder den Hausbesitzer und Mieter, sondern auch für Industrie und Gewerbe. Derzeit ist Energiesparen unsere beste Energiequelle!

Dabei schafft eine nachhaltige Energieversorgung in einem ganz erheblichen Umfang Arbeitsplätze: eine sehr konservative Abschätzung der PROGNOS AG in Basel kommt zu dem Ergebnis: Atomausstieg und anspruchsvoller Klimaschutz schaffen Jobs! 40 % CO2-Minderung bis 2020 und Umsetzung des Atomausstiegs bringen schon 2005 mehr als 150.000 Arbeitsplätze und bis 2020 sogar 200.000 Jobs. Die Rechnung geht also auf: Ökologie und Ökonomie lassen sich offensichtlich in der Praxis prächtig vereinen.

Die Energiewende läuft. Der Ausstieg aus der Atomenergie ist beschlossen und von der Energiewirtschaft akzeptiert. Mülheim-Kärlich bleibt stillgelegt und wird abgerissen, 2003 geht Stade vom Netz und so weiter. Die kommenden Jahrzehnte werden davon geprägt sein, einen ökologisch wie ökonomisch vernünftigen Energiemix ohne Atomkraft sicherzustellen. Hocheffiziente Nutzung fossiler Brennstoffe und Entwicklung der erneuerbaren Energien heißt die Devise.

 

Jürgen Trittin ist Minister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit